Vicelinstrasse 12

“Eine klassische Polychromie” 2018
Haus : Vicelinstrasse 12 in 24534 Neumünster

Projektumsetzung durch POLYCHROM e.V.
Projektförderung durch das Kulturbüro Neumünster und das Quartiermanagement Vicelinviertel
Fassadenaufarbeitung und Maltechnik von der Firma Wolfgang Leis GmbH

Eine klassische Polychromie (auf Backstein)
Der erste Eindruck den ich von diesem an sich wunderschönen Backsteinhaus bekam war folgender … eine lieblos zugekleisterte und versiegelte Backsteinfassade in einem sagen wir Fliedergrau, die dem Hausbewohnern selbst auch schon länger Unbehagen bereitete.

Zu meiner Verteidigung sei also darauf verwiesen das ich niemals auf die Idee gekommen wäre eine Backsteinfassade mit Farbe zu übermalen … und so war es mir eher von vornherein ein Anliegen, den Backstein und seine Tradtion zu betonen und zu würdigen … ich habe mich also dem Backstein und der Backsteinarchitektur – von meiner künstlerischen Freiheit her – bewusst untergeordnet und zunächst das Mauerwerk akribisch nachvollzogen, indem ich das ganze Haus auf dem Computer nachkonstruiert habe und zwar Stein für Stein … das Ergebnis war für mich künstlerisch vielleicht der spannendste Teil der ganzen Arbeit, denn mit dem Nachbau des Hauses konnte ich sämtlich Varianten der Backsteinornamentik durchspielen und den eigentlichen Gestaltungsraum (in dem der einzelne eingefärbte Backstein das Grundmodul ist) und das ornamentale Potential erkunden … und so habe ich eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Gestaltungsvarianten entwickelt, von denen wir hier freilich nur eine und zwar eine eher „klassische Variante“ zu sehen bekommen.

Für mich persönlich und mein künstlerisches Interesse hätte das ornamentale Gestaltungspotential des Backsteines noch deutlich sichtbarer werden können, es ist aber ebenso klar, dass die Gestaltung von Privathäusern und dem öffentlichem Raum im Allgemeinen sich gerade mit der Frage und dem Prozess der Einbeziehung der Menschen vor Ort auseinandersetzt und sich für diese ein Stück weit öffnet,

und so stehen wir nun vor dieser Arbeit, einer Backstein – Rekonstruktion die ich „klassische Polychromie“ genannt habe. Polychromie heißt Vielfarbigkeit und schon auf der Einladungskarte war diese spezifische zum einen erdige und satte, gleichzeitig aber auch sehr lebendig gesteigerte Farbigkeit – in der nun auch das Haus erstrahlt – in mineralischer Reinform zu sehen. Dort sind die Pigmente: Malachit, Goldocker, Azurit, Zinnober, Hämatit und weitere abgebildet, die der münchener Archäeologe Vinzenz Brinkmann und seine Mitarbeiter auf den originalen Skulpturen und Architekturen der griechischen Antike nachgewiesen haben und damit erneut der Diskussion um eine bunte Fassung der klassischen Antike Stoff geben. Denn bis heute ist das nüchterne und helle Gipsweiß in den Antikensammlungen weltweit vorherrschend und wir haben uns an diese klassisch verklärte Version gewöhnt.

Mit der Wanderausstellung „Bunte Götter“ in der unter anderem die Rekonstruktion dieses Bogenschützen aus dem Giebel des Aphaia – Tempels (der auf der Insel Agina stand) zu sehen ist, treibt Vinzenz Brinkmann die Debatte um eine lebendig, ja fast poppige Polychromie weiter an … ich habe mir vorgenommen, ihm eine Postkarte von diesem Haus zu schicken und bin auf seine Reaktion gespannt.

Das wir eine solche kräftige und für den protestantischen Norden wohl sehr exotisch wirkende Version eines Backsteinhauses nun hier in Neumünster stehen haben, ja dafür sei an dieser Stelle nochmal ganz herzlich den Hausbewohnern und Besitzern gedankt – in erster Linie habt ihr euch, lieber Stefan und liebe Anja auf dieses Abenteuer eingelassen und eure Fassade zur Verfügung gestellt und mich weitreichend unterstützt – ganz herzlichen Dank dafür …

© PRHS _ Eröffnungsrede 10. August 2018